Der Panther (Gedicht)

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke

Sonett Nr. 19

Nur eines möcht ich nicht: dass du mich fliehst.
Ich will dich hören, selbst wenn du nur klagst.
Denn wenn du taub wärst, braucht ich, was du sagst
Und wenn du stumm wärst, braucht ich, was du siehst

Und wenn du blind wärst, möcht ich dich doch sehn.
Du bist mir beigesellt als meine Wacht:
Der lange Weg ist noch nicht halb verbracht
Bedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn!

So gilt kein „Lass mich, denn ich bin verwundet!“
So gilt kein „Irgendwo“ und nur ein „Hier“
Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.

Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei.
Ich aber brauche dich, wie’s immer sei
Ich sage ich und könnt auch sagen wir.

Brecht (1939)

Herbst (Es raschelt unter meinen Füßen)

Heute vor einem Jahr ist Opa Hermann in seinem Haus in Lackendorf unerwartet gestorben, wiederbelebt worden, im Rottweiler Krankenhaus 4 Tage später wieder gestorben und dann nach weiteren 4 Tagen auf dem Friedhof in Lackendorf bestattet worden. Kurz zuvor hatte er, der Naturfreund, oben stehendes Gedicht geschrieben, das ich zum Jahrestag seines Todes veröffentlichen will. Ob abgeschrieben, von wem und ob mit oder ohne Fehler, weiß ich nicht: „Herbst (Es raschelt unter meinen Füßen)“ weiterlesen

Der Schauende

Es ist wieder einmal Rilke, um die Jahrhundertwende …

Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen,
die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.

Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.

Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen,
– wir würden weit und namenlos.

Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
des Alten Testaments erschien:
wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kampfe sich metallen dehnen,
fühlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.

Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.

Was soll das Kreuz?

Wie nun auch der Schwarzwälder Bote berichtete, wurde am 20.11.2011 ein Buch von Bernfried Schneider veröffentlicht: Die Feld- und Hofkreuze und die Lourdes-Kapelle in Beffendorf, ihre Stifter, Ahnen und Nachkommen. Dieser Titel erübrigt eine Inhaltsangabe. Jedenfalls durfte ich Lektorat und Korrektorat des Inhalts übernehmen und bekam so einen guten Eindruck von der immensen Arbeit, die sich der Autor gemacht hatte. Der 88 Seiten starke Band ist im Pfarramt Beffendorf erhältlich. „Was soll das Kreuz?“ weiterlesen

Wenn etwas mir vom Fenster fällt

Wenn etwas mir vom Fenster fällt
(und wenn es auch das Kleinste wäre)
wie stürzt sich das Gesetz der Schwere
gewaltig wie ein Wind vom Meere
auf jeden Ball und jede Beere
und trägt sie in den Kern der Welt.

Ein jedes Ding ist überwacht
von einer flugbereiten Güte
wie jeder Stein und jede Blüte
und jedes kleine Kind bei Nacht.
Nur wir, in unsrer Hoffahrt, drängen
aus einigen Zusammenhängen
in einer Freiheit leeren Raum,
statt, klugen Kräften hingegeben,
uns aufzuheben wie ein Baum.
Statt in die weitesten Geleise
sich still und willig einzureihn,
verknüpft man sich auf manche Weise,
und wer sich ausschließt jedem Kreise,
ist jetzt so namenlos allein.

Da muss er lernen von den Dingen,
anfangen wieder wie ein Kind,
weil sie, die Gott am Herzen hingen,
nicht von ihm fortgegangen sind.
Eins muss er wieder können: fallen,
geduldig in der Schwere ruhn,
der sich vermaß, den Vögeln allen
im Fliegen es zuvorzutun.

Rainer Maria Rilke

Einschlafen

Wenn es draußen dieser Tage auch hochsommerlich ist und ein Haufen anstehender Prüfungen die Stimmung etwas drückt, so hilft unsere Zweisamkeit doch gerade in dieser Zeit zu einer Ausgeglichenheit und Kraft, die man alleine nur schwer erreichen mag …

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.

Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.

Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.

Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Rilke