Fahrradschuppen

Meine 14 Tage Sommerurlaub standen dieses Jahr im Zeichen eines kleinen Bauprojekts: Ein Unterstand für unsere Fahrräder, Fahrradanhänger und Gartengeräte, der gelegentlich auch als Laube, Computer-Arbeitsplatz oder Werkstatt verwendet werden kann. Da ich bestimmte Dinge immer wieder gefragt werde, schreibe ich sie hiermit einfach für alle Interessierten auf:

Rahmenbedingungen

Bei der Planung des Schuppens formulierte ich Anforderungen, die das Projekt mit mir und meiner derzeitigen Lebenssituation kompatibel machen sollten:

  1. Die Durchführung sollte von Anfang bis Ende ohne Helfer, insbesondere ohne Betriebe und Dienstleister zwischen Händler und Fertigstellung, möglich sein. Gelegentliche Helfer sind in Ordnung, aber nirgends notwendig. Sie sollte außerdem mit den mir aktuell, unmittelbar und kostenlos zur Verfügung stehenden Mitteln möglich sein. Vor allem sollten keine weiteren Fahr- und Werkzeuge angeschafft oder geliehen werden.
  2. Die Konstruktion sollte hinsichtlich der Nutzungsfläche das innerhalb der Verfahrensfreiheit mögliche Maximum erreichen, sich qualitativ und optisch an denselben Maßstäben wie unsere übrigen Bauwerke orientieren und sich an unsere vorhandene Garage zwar anschließen, deren murksiges Dach aber vollständig unversehrt lassen.
  3. Eine reine Geschmackssache: Zur Verbindung der Balken sollten keinerlei flächige Metalle zum Einsatz kommen, sondern lediglich unsichtbare Schrauben. Wo Schrauben wegen erwartbaren Wiederabbaus von Teilen der Konstruktion sichtbar bleiben müssen, kommen Schlossschrauben zum Einsatz.
  4. Die Projektkosten sollten 1500 Euro für Material und Nebenkosten zusammen sowie 14 Tage Arbeitszeit nicht überschreiten.

An einigen Stellen konnte ich diesen Anforderungen nicht gerecht werden – sei es aufgrund von Fehlern, die mir unterlaufen sind, sei es aufgrund von Konflikten zwischen den verschiedenen Anforderungen. Eine Kunst ist es daher vielmehr, die konsequenteste Linie zwischen diesen Anforderungen zu finden und zu verfolgen. Das prominenteste Beispiel:

Herstellung der Balken

Verleimen der Pfetten

Die Statik sah für die mittige, 4 Meter überspannende und eine Dachbreite von über 2,5 Metern tragende Pfette Dimensionen von 20 x 16 Zentimeter vor, damit sie bei erwartbarer Schneelast in der Mitte weniger als 1 Zentimeter durchhängt. Konstruktionsvollholz (NSI) mit diesen Maßen wäre mehr als doppelt so teuer wie 4 sägeraue Kreuzrahmen 10 x 8, die ich selber hoble und verleime. Da das auch für 6 weitere Elemente der Konstruktion gilt, kann ich mit dieser Methode beim Holzeinkauf rund 200 Euro sparen.

Hobeln der Pfetten

Von diesen investiere ich nun 65 Euro in einen elektrischen Hobel, 40 Euro in zusätzliche Schraubzwingen und 25 Euro in PU-Leim. Die verbleibenden 70 Euro Einsparung allein rechtfertigen nun natürlich nicht die vielen Stunden Arbeit, die für das Hobeln und Verleimen anfallen. Sie sind aber auch nur einer der Gründe für dieses Vorgehen, während drei weitere Argumente dafür sprechen: Erstens wären Transport und entsprechende Bearbeitung eines Vollholzbalkens 20 x 16 schwieriger, während die Kreuzrahmen gut mit meinen vorhandenen Kapp- und Handkreissägen zu kürzen und auszuklinken sind. Zweitens konnte ich auf diese Weise Holz verwenden, von dem ich etwa die Hälfte vorher schon anderweitig eingesetzt hatte. Drittens verbleiben Hobel, Schraubzwingen und neu erlernte Fertigkeiten auch nach Projektende in meinem Inventar.

So habe ich zwar meinen Vorsatz verletzt, mich nur auf bereits vorhandenes Werkzeug zu beschränken, konnte dafür aber selbständig arbeiten sowie Geld beim Materialeinkauf sowie für evtl. noch teureres Werkzeug sparen. Und nebenbei hat mich die Herstellung größerer Balken auch interessiert.

Helfer

Es gibt sehr viele Situationen im Verlauf eines solchen Projekts, wo man alleine nur sehr langsam vorankommt, während man zu zweit mehr als doppelt so schnell wäre. Und Situationen, in denen man ein fertig bearbeitetes Werkstück vom Zimmermann geliefert bekommen könnte, anstatt sich mit kleinem Anhänger und noch kleinerem Heimwerkzeug selbst um alles zu kümmern. Warum sich also alleine mühen?

Freundliche Helfer

Zuerst kostet die Arbeit mit Helfern mehr Zeit in der Planung und Vorbereitung – schließlich wollen sie ja nicht die Hälfte der Zeit herumstehen, weil Werkzeug gerade anderweitig belegt ist. Wird dann das Projekt z.B. durch schlechtes Wetter verzögert, verschiebt sich oft auch der Einsatz der Helfer, sodass diese den alten Termin umsonst geblockt haben. Dadurch entsteht zusätzlicher Druck, Verantwortung und Ablenkung. Das wirkt sich in der Regel negativ aus.

Für sich alleine zu arbeiten hat außerdem etwas Meditatives. Es ist viel leichter, sich zu konzentrieren. So können Arbeitsschritte besser durchdacht und sorgfältiger ausgeführt werden, außerdem ist meine Erfahrung, dass ich im Alleingang weniger Fehler mache als in Gesellschaft. Das zahlt sich dann wiederum zeitlich und finanziell aus.

Danke dennoch für die Hilfen beim Betonieren, beim Bodenab- und aufbau sowie beim mehrfachen Lupfen der Pfetten!

Professionelle Helfer

Nachdem ich bei vergangenen Projekten mehrfach mit Handwerksbetrieben und Dienstleistern zusammengearbeitet habe, kann ich die Vor- und Nachteile einer solchen Kooperation abwägen. Grundsätzlich gilt: Wann immer sich ein weiteres Glied in die Prozesskette einreiht, entstehen Kommunikationsaufwand, Wartezeiten und Reibungsverluste. Vor allem aber entsteht eine Rechnung, denn jeder Handwerksbetrieb ist ein Wirtschaftsunternehmen und will daher sein Stück vom Kuchen abbekommen.

Einen greifbaren Vergleich bietet mir die Verschalung der Ostseite meines Schuppens: Knapp 50 Meter Rauteleisten aus sibirischer Lärche. Ich konnte beim Händler die 23 besten Leisten aus 100 handverlesen und sie in passender Länge sofort mitnehmen. Beim Brüstungsgeländer meiner Terrasse hingegen habe ich dasselbe mit einer Zimmerei zusammen gemacht: Dort kostete zunächst einmal das Holz umgerechnet knapp 30 Prozent mehr. Das könnte ein angemessener Aufpreis für bessere Qualität sein. Es könnten aber auch die Transportkosten des Holzes vom Händler zuerst in die Zimmerei und dann zu mir sein. Jedenfalls waren einige Leisten zwar verwunden, aber insgesamt in Ordnung.

Wirklich schwierig waren 3 andere Aspekte: Zuerst wurden einige Leisten zu wenig geliefert – obwohl das Geländer von der Zimmerei geplant worden war. Dann musste ich auf deren Ersatz tagelang warten und konnte meine Arbeit nicht fertigstellen. Vor allem aber hatte die Zimmerei alle Leisten anscheinend entweder nochmal abgerichtet oder sogar die Raute selbst gehobelt. Das erklärt zum Einen, warum die Stärke der Leisten unregelmäßig ist und zwischen 26–30 Millimeter variiert. Zum Anderen aber erklärt es, warum dafür mehrere Arbeitsstunden zu je 55,93 Euro berechnet wurden. Am Ende kosteten mich die Rauteleisten von der Zimmerei sage und schreibe dreimal so viel wie die, die ich direkt eingekauft habe. Und dazu sogar noch mehr Zeit- und Arbeitsaufwand.

Das war beim damaligen Brüstungsgeländer. Beim jetzigen Schuppen habe ich daraus gelernt.

Projektkosten

Tragende Konstruktion

Wann immer ich im Baumarkt war, stand dort ein Carport, der etwa dieselben Abmessungen wie mein Fahrradschuppen hat, aber ein Preisschild mit 350 Euro trägt. In meinem Kopf erzeugte das einen Widerspruch: Warum kostet mein auf bestmögliches Preis-Leistungs-Verhältnis ausgelegter Schuppen das Vierfache und dazu noch viel Zeit und Arbeit? Die Antwort ergibt sich bei näherer Betrachtung und Differenzierung der Projektkosten:

Tragende Konstruktion II

Die tragende Konstruktion meines Schuppens kostet alles in allem ebenfalls 351,74 Euro – jeden Tropfen Leim, jede Schraube und jede Unterlegscheibe eingerechnet. Bedenkt man nun aber, dass meine Konstruktion für höhere Wind- und Schneelast gerechnet ist, aus selbst ausgewähltem Holz besteht und vor allem exakt meinen individuellen Anforderungen entspricht, verliert der Preis des Carports plötzlich seinen Reiz – auch wenn er bis zum nächsten Hagel noch ein 50-Euro-Dach dabei hat.

Betonschalung

Aber noch in ganz anderer Hinsicht täuscht dieser Preis: Zu einem benutzbaren Carport fehlen die Kosten für Fundamente, Pfostenanker, Bodenaufbau, Entsorgung von Aushub, Anstrich für Wetterschutz des Holzes, eventuell eine Verschalung der Wetterseite … das übersieht man im Vor- und Nachhinein gerne.

Bodenaufbau

All das galt es also auch bei meinem Projekt zu berücksichtigen: So habe ich nur etwa die Hälfte der Zeit für den Aufbau der geplanten Holzkonstruktion verwendet. Über eine Woche lang entfernte ich stattdessen Sträucher samt Wurzeln, hob Erdboden aus, mischte Beton, richtete Pfostenanker aus, bewegte und verdichtete Schotter, schnitt und verlegte Betonplatten, faste Betonkanten, baute temporäre Hilfskonstruktionen.

Die Materialkosten setzen sich schließlich wie folgt zusammen – wie gesagt jeden Tropfen Leim, jede Schraube und jede Unterlegscheibe beim jeweiligen Gewerk eingerechnet und inklusive Mehrwertsteuer:

  • 385,95 Euro für Wandverschalungen aus Lärche und Douglasie
  • 351,74 Euro für die tragende Konstruktion aus Fichte
  • 288,41 Euro für den gesamten Holzanstrich mit EinZa Novasol
  • 240,68 Euro für Bodenaufbau und Fundamente samt Pfostenanker
  • 115,29 Euro für die Bedachung mit Bitumen-Wellplatten.

Das ergibt Materialkosten von insgesamt knapp 1400 Euro.

Bau im Bau

Sparren und Pfetten

Die Untersicht des Daches wurde bewusst nicht verschalt, sondern die Sparren und Bitumen-Wellplatten offen zugänglich belassen. Hauptgrund dafür ist – gleich wie in unseren übrigen Garagenräumen –, dass eine undichte Platte schneller und einfacher erkannt, ausgetauscht und so die gute Verlegbarkeit dieser Dacheindeckung optimal ausgenutzt werden kann. Ein zweiter Grund ist jedoch, dass die dadurch ebenfalls zugänglich verbleibenden Fächer zwischen Pfetten, Sparren und sonstigen Balken Nistmöglichkeiten für kleine Vögel bieten. Konkret denke ich an die Rotschwänze, die bei meinen Eltern regelmäßig in ca. 2 Metern Höhe ihre Nester bauen und lediglich dann scheuen, wenn man sich zum Essen direkt daruntersetzt.

Bodenfreiheit

Ähnlich verhält es sich mit der Bodenfreiheit des Gebäudes: Ringsherum sind es mindestens 10 Zentimeter. Hauptgrund hier ist der konstruktive Holzschutz. Darüber hinaus wollten wir aber einen weiteren Durchgang für Tiere schaffen, insbesondere für Igel, die von dieser Seite des Grundstücks bisher durch den Maschendrahtzaun behindert wurden. Ein letzter umweltfreundlicher Gedanke galt schließlich dem Dachüberstand des Schuppens Richtung Südosten. Dieser orientiert sich zwar am identisch großen Dachüberstand der Garage Richtung Nordosten, könnte damit aber dem Insektenhotel als Standort dienen, das wir schon länger im Blick haben.

Eizellen in Lehm

Als übrigens meine Planungen Anfang Juli entsprechend weit gediehen waren, zwängte ich mich mehrfach zwischen Garagenwand und die noch stehenden Sträucher, um zentimetergenaue Maße insbesondere des Garagendachüberstandes zu nehmen. Irgendwann bemerkte ich dann plötzlich etwas, was vor einer paar Tagen noch nicht da gewesen war: Ein Lehmklumpen an der Garagenwand, nahe des Fallrohres der Regenrinne in etwa einem Meter Höhe. Einige leichte Schläge mit dem Hammer zeigten: Das verwendete Bindemittel hält bombenfest. Ich ahnte sofort, dass dieser Bollen wohl natürlichen Ursprungs ist, denn schon in unserer alten Wohnung in Tübingen beobachtete ich etwas Ähnliches:

Töpferwespe

Eine Wespe baut ein kleine Hülle, legt ein Ei und zwei Raupen hinein und umschließt alles mit reichlich Lehm. Damals war es irgendeine recht kleine Wespe, die ich nicht näher bestimmen konnte. Diesmal war sie größer, setzte sich geschickt vor die Linse und ist vermutlich Vertreter einer Töpfer- bzw. Lehmwespenart. Warum ihr Nest nun seit fast 2 Monaten keinerlei Veränderung aufweist, verstehe ich nicht. Ich freue mich aber dennoch, dass es nicht wie befürchtet meinem Schuppenbau weichen musste, sondern zentimetergenau eingepasst und friedlich zwischen Regenfallrohr und Pfosten koexistieren kann. Mal sehen, welchen der Bauten zuerst das Zeitliche segnet …

Statik

Apropos das Zeitliche segnen: Formal benötigte der Schuppen keine Statik, da er verfahrensfrei gebaut werden konnte. Aber ich war mir an einem Punkt der Konstruktion unsicher: Die Breite der Hauptpfette. Deren Höhe war durch den Dachüberstand der Garage von oben und durch 2 Meter lichte Durchgangshöhe von unten limitiert auf 20 Zentimeter. Da sie aber wie gesagt 4 Meter überspannen und dabei allein ca. 2,5 Meter Dachbreite tragen muss,  wollte ich die geplante Breite von 16 Zentimeter rechnerisch überprüfen lassen. Ein Bauingenieur bestätigte diese – und brachte darüber hinaus ein Dutzend weiterer Hinweise ein:

Die größte Last für den Schuppen ist nicht Schnee, sondern Wind. Da die Konstruktion Richtung Norden offen ist, könnte ein Sturm hineingreifen und das Dach oder das ganze Gebäude wegheben – immerhin sind die Dachplatten mit 200 Spenglerschrauben befestigt. Diesem den lokalen Nachrichten zufolge nicht nur theoretisch existierenden Risiko trägt die Schuppenkonstruktion mithilfe der folgenden Maßnahmen Rechnung:

Fundamente
  1. Die beiden Betonfundamente sind mit je 80 x 60 x 50 Zentimetern so dimensioniert, dass sie entsprechend der statischen Berechnung jeweils circa 450 Kilogramm wiegen. Rechnet man die darauf stehenden Pfosten (16 x 16 Zentimeter), die Pfostenanker und den senkrecht eingelegten Armierungsstahl dazu, kommt man auf ca. 500 Kilogramm pro Stütze.

    Pfostenanker
  2. Die H-Pfostenanker wurden pro Fundament gedoppelt und jeweils mit waagrecht eingelegten 16-Millimeter-Gewindestäben versehen. So ist gewährleistet, dass sich der Flachstahl bei Zug nicht etwa aus dem Beton herauslöst.
  3. Die Pfetten sind sowohl senk- als auch waagrecht mit den Pfosten verschraubt. Das wird dadurch erreicht, dass sowohl Pfette als auch Pfosten ausgeklinkt und ineinandergelegt wurden. Die dabei auftretenden Hirnholz-Verbindungen wurden durch rechtwinklig zur Schraube eingesetzte Zylinder aus Buchenholz trag- bzw. zugfähig gemacht. Die Sparren schließlich wurden mit beiden Pfetten durch insgesamt vier 22-Zentimeter-Spax verbunden.

Windhauch

Zukünftig soll eine große Tafel den Eingang unseres Schuppens zieren. Sie trägt die Worte eines sehr alten und weisen Lehrers:

הבל הבלים אמר קהלת הבל הבלים הכל הבל׃

Nichtigkeit der Nichtigkeiten! – spricht der Prediger; Nichtigkeit der Nichtigkeiten, alles ist Nichtigkeit!

Die einen übersetzen es mit Nichtigkeit, die anderen mit Eitelkeit oder Windhauch: Es ist der Name des urgeschichtlichen Bruders Abel, dessen Schicksal ja hinreichend bekannt ist. Wie schnell ist man von diesem Erdboden verschwunden, hinweggefegt, weggerafft? Sei es durch Erde, Feuer, Luft oder Wasser, sei es durch Menschen, sei es von innen heraus: Was heute noch stattlich dasteht, kann morgen schon vergangen sein, auch wenn ich alles Mögliche versucht habe, um es zu verhindern. Das ist die Wirklichkeit unserer Existenz und unserer Bauwerke. Wohl dem, dessen Fundament tiefer reicht.

Einige Bilder

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