Hilfe zwecklos

Im 3E-Gespräch der aktuellen Ausgabe wird der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm interviewt. Besonders eine seiner Antworten bedarf meines Erachtens einer Klärung, da ihre Argumentation einen Unterschied suggeriert, der bei genauem Hinsehen keiner sein darf:

Viele Flüchtlinge bekunden ein Interesse am christlichen Glauben. Wie stehen Sie zu Glaubenskursen für Flüchtlinge und zum Thema „Mission“ unter Flüchtlingen?

Wenn Flüchtlinge zum Glauben kommen, freue ich mich darüber. Ich sehe dies auch als Konsequenz der Glaubwürdigkeit, mit der sich Christen hier der Not der Flüchtlinge annehmen. Dass Flüchtlinge nach der Quelle dieses Engagements fragen, überrascht mich nicht. Dies ist aber etwas ganz anderes, als wenn man Strategien entwickeln würde, mit denen man die Hilfe für Flüchtlinge bewusst nutzen würde, um zu missionieren. Menschen dürfen nicht zum Mittel für einen Zweck benutzt werden. Jesus war immer am Menschen um des Menschen willen interessiert. Wir müssen daher den Menschen helfen, weil sie Menschen sind und nicht, weil sie potentielle Missionsobjekte wären.

Bedford-Strohm unterscheidet hier anscheinend zwischen glaubwürdigem Engagement für Flüchtlinge einerseits und bewusst missionarisch orientierter Hilfe für Flüchtlinge andererseits. Erstere entspricht in seiner Darstellung eher einer Hilfe für Menschen als Menschen, letztere einer Hilfe für Menschen als potentiellen Missionsobjekten. Inwiefern macht eine solche Differenzierung für Christen Sinn?

Zunächst: Es ist Unsinn, von zweckfreier Hilfe zu sprechen. Hilfe impliziert immer schon eine Zielgerichtetheit und damit einen Zweck. Die Frage ist also nicht, ob ich einen Zweck verfolge, sondern welchen Zweck ich verfolge. Liegt nun aber der Zweck meiner Hilfe außerhalb dessen, was den hilfsbedürftigen Menschen zum Menschen macht, mache ich diesen Menschen zum Mittel für meinen Zweck. Ob ich einem Menschen als Menschen helfe, entscheidet sich daran, was man als wesentlich menschlich ansehen darf – eine Frage des Menschenbildes also.

Für Bedorf-Strohm ist es nun etwas ganz anderes, ob es das Ziel meiner Hilfe ist, dass Flüchtlinge zum Glauben kommen, oder ob etwas anderes mein Ziel ist, z.B. dass Flüchtlinge sozial integriert werden. Letzteres ist unbedenklich. Ersteres hingegen ist offenbar etwas so ganz anderes, dass Bedford-Strohm eine erhöhte Gefahr sieht, dass Menschen dabei zum bloßen Mittel verkommen. Das hieße, dass der Glaube, den Missionierung zum Ziel hat, ein Zweck außerhalb dessen ist, was den Menschen zum Menschen macht. Demnach hilft also jemand, der mit dem Ziel der Missionierung hilft, nicht dem Menschen als Menschen, sondern dem Menschen als Missionsobjekt.

Es folgt sodann ein Verweis auf Jesus: Jesus habe immer den Menschen als Menschen im Blick gehabt. Dem kann man gerne zustimmen – nicht aber ohne zu prüfen, ob Jesus damit den fraglichen Argumentationsgang auch tatsächlich stützt. Werfen wir einen Blick auf seinen Umgang mit Menschen, durchbricht Jesus von Anfang an die Differenzierung, die Bedford-Strohm vornimmt, und setzt über Nahrung, Kleidung und Zuwendung hinaus prinzipiell ganzheitlich an: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ Jesus bringt sogar seine eigene Person ins Spiel: Menschen dürsten nach lebendigem Wasser und hungern nach dem Brot des Lebens. Schließlich: „Ich bin das Leben.“

Man wird hier Jesus so verstehen dürfen, dass dieses Leben, an dem man nur im Glauben teilhaben kann und das letztlich nichts anderes als die Gemeinschaft mit Gott ist, ein ebenso menschliches Grundbedürfnis darstellt wie z.B. soziale Integration. Dass Hilfe, die dieses Leben und damit Glauben zum Ziel hat, den Menschen nicht minder im Blick hat als jede anders ausgerichtete Hilfe. Dass strategische Missionierung im Rahmen von Flüchtlingshilfe mitnichten etwas ganz anderes ist als übrige Engagements für Flüchtlinge. Missionieren ist Hilfe für Menschen als Menschen – zumindest dann, wenn wir Jesu Sichtweise teilen.

Abgesehen von dem unnötig hässlichen Wort Missionsobjekt ist es also nichts Unmenschliches, Menschen als glaubensbedürftig anzusehen und ihnen deshalb zu helfen. Nichts anderes hat Jesus getan, wenn er von den orientierungslosen Schafen spricht. Und nichts anderes tun alle Helfer, die von Patienten, Hungernden, Frierenden oder Flüchtlingen sprechen. Jeder nimmt die Not anderer Menschen unweigerlich in Teilaspekten war und hat deshalb bei seiner Hilfe auch ganz bestimmte Ziele im Blick. Wenn aber ausgerechnet Christen anfangen, den Glauben an Jesus Christus aus diesem Spektrum menschlicher Bedürfnisse auszuklammern, verkürzen sie den Ansatz Jesu und werden damit tatsächlich unglaubwürdig.

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