Gelegenheit macht Drängler

In der jüngsten ADAC Motorwelt dreht sich der Leitartikel um sogenannte Drängler: Menschen, die mit ihrem Fahrzeug zu dicht auffahren und andere Verkehrsteilnehmer bedrängen. Der Artikel gibt auch Antworten auf die Frage, warum es solche Menschen eigentlich gibt und was die Gründe sind, dass ihre Zahl ständig zunimmt. Neben einigen anderen Aspekten formuliert ein „Experte“ dabei die zentrale Erkenntnis:

Menschen haben unterschiedliche Wunschgeschwindigkeiten.

Das ist sicher nicht falsch. Aber es ist nicht der Grund, weshalb es immer mehr Drängler auf deutschen Autobahnen gibt, wie der ADAC richtig feststellt. Viel ausschlaggebender ist ein anderer Grund. Und der ADAC darf ihn nicht einmal in einem Nebensatz erwähnen: Die Leistung unserer Autos! Die ins Extreme gesteigerte Kraft vor allem deutscher Modelle. Der stetig wachsende Anteil von GTI-, S-, RS-, M- und AMG-Modellen – Fahrzeuge, die den Rennsport nicht nur unter der Haube, sondern quasi schon im Namen tragen.

Gelegenheit macht Diebe – eine alte, sprichwörtliche Weisheit. Sie besagt: Menschen tragen die Bereitschaft zum Diebstahl mit sich herum, setzen ihn aber nicht in die Tat um. Warum nicht? Weil ihre Moral ihnen davon abrät. Weil sie fürchten, erwischt zu werden. Weil sie keine Notwendigkeit dafür sehen. Oder weil sie vielleicht einfach noch keine passende Gelegenheit dazu gefunden haben. Bietet sich aber irgendwann diese Gelegenheit, kann aus der Bereitschaft eine Tat werden.

Damit passt diese Weisheit prinzipiell auch auf andere Phänomene unserer Zeit: Steuerparadiese machen „Steuersparer“. Waffen machen Amokläufer. PS-Monster machen Raser. Und eben Drängler. In keinem der Fälle geht es um einen hinreichenden Grund, aber immer um einen notwendigen: Nicht jeder, der eine Waffe hat, wird zum Amokläufer. Aber jeder Amokläufer braucht eine Waffe. Oder negativ formuliert: Ohne Waffen gibt es keine Amokläufer.

Am Besten kann ich das an mir selbst nachvollziehen: Über 10 Jahre lang habe ich einen VW Polo gefahren, mit 1.0 Liter Hubraum und 50 PS. Ich wurde oft bedrängt, weil ich z.B. einen LKW auf der Autobahn mit maximal 120 km/h überholen konnte. Selber konnte ich aber so gut wie nie drängeln, auch wenn ich es wollte, denn meine Beschleunigung hätte nicht ausgereicht und meine mangelnde Bremsleistung hätte dichtes Auffahren zu riskant gemacht.

Seit 2 Jahren fahre ich nun einen Audi A4 mit 115 PS Turbodiesel. Heutzutage bestenfalls durchschnittliche Motorisierung, aber bei Vollgas dennoch ausreichend, um einige andere zu bedrängen, notfalls sogar bis 200 km/h. Plötzlich kann ich meinem Wunsch nach mehr Beschleunigung, höherer Geschwindigkeit und früherem Ankommen nachgeben. Wenn ich angespannt bin, kann ich mich abreagieren. Wenn mich jemand behindert, kann ich ihm das eindrücklich zurückmelden. Überhaupt: Ich werde viel häufiger behindert als früher in meinem Polo!

Es ist doch offensichtlich: Je stärker ein Auto motorisiert ist, desto häufiger gelangen Drängelwünsche zur Ausführung. Je mehr PS-Monster auf der Straße sind, desto mehr Drängler gibt es. Es sind nicht umsonst fast immer die bösen Augen der sportlichen Modelle, die meine Rückspiegel ausfüllen, zunehmend auch von meterhohen, tonnenschweren SUVs. Fahren sie dann vorbei, prangen ihre verchromten Schriftzüge an Wangen und Heckklappen: 4.0 TDI, V8 Biturbo, C63. Dabei hat ja schon ein unscheinbarer BMW 320i über 180 PS.

Nun wähnen sich manche Drängler intellektuell in der Lage, eine umgekehrte Argumentation auf die Beine zu stellen: Würden weniger schwache Fahrzeuge im Straßenverkehr herumgurken, könnten alle schnell fahren und es gäbe weniger Gedrängel. Nur leider stimmt das nicht: LKWs bräuchten Flugzeugmotoren, um mithalten zu können, ganz zu schweigen vom Bremsen. Unregelmäßigkeiten im Verkehr würden zu noch viel stärkeren Behinderungen führen als bisher schon. Straßen würden um ein Vielfaches schneller verschleißen, ihre Schäden und Sanierung den Zeitvorteil wieder kompensieren. Vermutlich gäbe es also noch viel mehr gestresste Drängler, wahrscheinlich auch mehr überschuldete Bürger, ganz sicher aber mehr Tote. Nach oben gibt es keine Grenzen.

Es ist ja über Ländergrenzen hinweg empirisch erwiesen, dass die Kapazität von Verkehrswegen zwischen 80–100 km/h am höchsten ist. Mein bisher einziger Frankreich-Urlaub spricht diesbezüglich Bände: Klein- und Mittelklasse-Wagen von Citroën, Peugot und Renault tuckern mit schmalen Reifen, kaum hörbaren Motoren und lieblichem Aussehen in langer Kolonne über ausgedehnte Landstraßen, Höchstgeschwindigkeit 90 km/h. Nie kam ich entspannter von A nach B, nie war der Verkehrsfluss konstanter! Ich nahm mir ernsthaft vor, als nächstes Auto einen Franzosen mit kleinem Benziner zu kaufen.

Auf der Heimreise, gerade bei Straßburg über die Grenze und zurück auf der A5, geht es wieder los. Erster Überholvorgang mit unserem Familienbus, schon fliegen ein Audi TT, ein Mercedes E65 und ein Porsche Cayenne mit Lichthupe aus dem Nichts heran und fressen sich hinter mir fast auf. So ging es dann auch auf der A8 weiter. Und so wird es auch in Zukunft weitergehen! Solange dem Kräftemessen auf den Straßen keine Grenzen verpasst werden, geht es immer so weiter. Solange der menschliche Machttrieb den Markt bestimmt, wird es immer schlimmer. Gelegenheit macht Diebe. Und eben Drängler.

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